Regers Neffe.
Regers Neffe ist ein Roman als Gegenakte: nach Sepsis, Koma und vierfacher Amputation schreibt ein Erzähler gegen jene Beschreibungen an, die ihn retten, verwalten, bemitleiden oder endgültig machen wollen. Eine Einladung — aber keine Entlastung.
Dieses Buch erzählt nicht, was einem Menschen passiert ist.
Es fragt, wer danach das Recht erhält, ihn zu beschreiben.
Ich war, Reger, in jenem Moment des langsamen Erwachens, eine Trümmerfrau meiner selbst, und die Selbstbenennung als Trümmerfrau ist die einzige, die meine damalige Lage trifft. Aus dem Trümmerinventur-Fragment
Hier ist das Werk, und hier ist seine Form.
Nicht der geschlossene Roman eines einzigen Tages, der unterwegs zu etwas anderem geworden wäre, sondern Regers Neffe: eine handlose Gegenakte in zwanzig Fragmenten. Die einzige Form, die dieser Stoff zulässt, und keine Zeile davon entschuldigt sich dafür.
Jedes Fragment ist ein Monolog des Erzählers an Reger, seinen imaginierten, älteren, langjährigen, abgelehnten und zugleich vergötterten Freund: einen Kunstkritiker, der alles kritisiert. Auf jedes Fragment folgt eine Reaktion, ebenfalls vom Erzähler imaginiert, ebenfalls einer fiktiven Stimme übergeben: Marchel Ritch-Ranitski, einem Literaturkritiker, der jedes Fragment liest, zerlegt, verwirft und gelegentlich, mit jener schmalen, kostbaren Heiterkeit der Fernsehkritik, anerkennt.
Diese Doppelform ist keine Verlegenheitslösung. Sie ist notwendig. Ein Leben nach der Sepsis lässt sich nicht mehr als Ganzes prüfen, sondern nur in Sektionen. Bohrkern, Fragment, Kritik, Replik: Das Werk nimmt die Verfahren, die den Erzähler vermessen, und schlägt mit ihnen zurück. Es weiß, dass es gefährlich ist. Und es verweigert die kleine Entschuldigung, mit der man Zumutungen gewöhnlich entschärft.
Auch der Erzähler ist eine fiktive Figur. Alles andere wäre zu unwahrscheinlich: ein fünfundvierzigjähriger Doktor der Ökonomie, früher Biologielaborant, jahrelang Entwickler von Geschäftsmodellen für ein längeres, selbstbestimmtes Leben zu Hause, wird eines Abends auf dem heimischen Sofa von Bakterien befallen. Pneumokokken. Sepsis. Herzstillstand. Koma. Amputationen. Hände und Füße fehlen. Was bleibt, sind Rumpf, Stimme, Prothesen, Spracherkennung, Sohn, Wohnung, Akten — und eine Bibliothek.
Diese Bibliothek ist kein Trostregal. Sie ist ein Verdachtsarchiv, in dem jedes Buch sofort Anklage wird. Bernhard steht dort nicht, um verehrt zu werden, Kafka nicht, um zitiert zu werden, Smith nicht, um Ökonomie zu erklären, Star Trek nicht, um Popkultur zu markieren. Alles, was dort steht, wird zuständig. Jedes Buch kann aufgerufen, gegen Benz gewendet, gegen die Akten gestellt oder vom Apparat selbst als Beweismittel beschlagnahmt werden.
Der Erzähler wird zum Kunden seiner eigenen Modelle und zum Versuchskörper seiner eigenen Technologiegläubigkeit. Er hat ein Leben lang über Selbstbestimmung, Betreuung, Wohnen, Alter und körperliche Einschränkung nachgedacht. Nun sitzt er selbst in der Wohnung, die nicht mehr nur Wohnung ist, sondern Krankenzimmer, Pflegestation, Scheidungsarchiv, Bibliothek, Bühne und Verfahren.
Was er Reger zuträgt, sind keine geordneten Erinnerungen. Es sind Diagnoseversuche.
Mit Bernhards Tonart, mit Kafkas Reihenfolgefrage, mit Hararis Gossip-Theorie, mit Adam Smiths unsichtbarer Hand, mit Star Trek als Schiffsdiagnose, mit Gul Dukat als Figur des moralischen Zwischen greift der Erzähler zu jedem Werkzeug, das die Lage erlaubt. Er hält die Spannung zwischen Antikonstruktivismus und fiktional-pragmatischer Methode aus, ohne sie zu lösen. Er will kein Trostbuch schreiben. Er will ein Verfahren eröffnen.
Sein Problem ist einfach und unlösbar: Seit dem Aufwachen aus dem Koma wächst in ihm das Verlangen, noch einmal ein Buch zu schreiben. Dieses Mal ein literarisches. Zugleich behauptet er, er könne kein Buch schreiben, weil ein Vierfach-Amputierter keine Hände habe. Reger bemerkt sofort, dass das vorgeschoben ist. Ranitski erst recht.
Daraus ergibt sich eine eigenwillige Wohnsituation. Beide Kritiker sind tot, aber das ändert wenig. In der Hertensteiner Wohnung des Erzählers, zwischen Pflege, Prothesen, Spitexplänen und einer Bibliothek von über tausend Büchern, geistern sie Tag und Nacht umher, ohne sich je ganz zu begegnen: der Kunstkritiker als imaginierter Besucher, der nicht geht; der Literaturkritiker als posthume Stimme, die nicht schweigt.
Der Erzähler schickt dem einen seine Fragmente und empfängt vom anderen ihre Zerlegung. Er wohnt nicht allein. Er wohnt mit zwei nicht ganz ortsanwesenden Toten, einem nicht ganz ortsabwesenden Bernhard und einem Verdachtsarchiv, das jedes Buch sofort in Zuständigkeit verwandelt.
Chronik
Drei Befunde in 20 Fragmenten
I Diagnose, Abstieg, Leerstelle
II Körper, Beschreibung, Methode
III Markt, Liebe, Sohn, Begehren
Höllenkonzil
Schuldlage
Bildakte
Dankpflicht
Und damit, Reger, kam ich zu jenem antiken Philosophen, den Sie, beziehungsweise Ihr Vater in seinem Werk, sträflich vernachlässigt hat, und den ich Ihnen hier mit besonderer Energie vortragen muss, weil er die antike Figur ist, die meiner Lage als einziger entsprochen hat. Ich spreche von Epiktet.
Epiktet, Reger, kommt in den Werken Ihres Vaters, soweit ich mich aus dem Gedächtnis entsinne und soweit meine Sepsis-beschädigte Erinnerung trägt, nicht vor. Ihr Vater hat Sokrates erwähnt, hat Platon angedeutet, hat Aristoteles ironisiert, hat Marc Aurel beiläufig benannt. Aber Epiktet hat er übersehen. Und das, Reger, war ein Fehler, ein bildungsbürgerlicher Fehler, eine Schlampigkeit der hochkulturellen Tradition, die ich Ihnen hier vorhalten muss, weil die Schlampigkeit gerade jenen ausblendet, der für meine Lage der einzige Verbündete in der antiken Philosophie ist.
Epiktet, Reger, war Sklave. Epiktet war körperlich beeinträchtigt, sein Bein war zerstört, sei es durch eine Misshandlung des Herrn, sei es durch eine andere Verletzung, die antiken Quellen sind sich nicht ganz einig, aber dass Epiktet körperlich versehrt war, ist überliefert. Epiktet hat aus dieser Versehrtheit heraus seine stoische Philosophie entwickelt, die im Kern besagt, dass der Mensch zwischen dem unterscheiden muss, was in seiner Macht steht, und dem, was nicht in seiner Macht steht. In seiner Macht stehen die Urteile, die Begehrungen, die Ablehnungen. Nicht in seiner Macht stehen der Körper, der Besitz, das Ansehen, alle äußeren Dinge.
Das, Reger, ist die Philosophie für den Vierfach-Amputierten in der Rehaklinik. Die Hände sind weg, die Füße sind weg, die Nase ist weg, die Karriere ist weg, die Ehe ist weg, die Präsidentin hat mich gekündigt, das alles steht nicht in meiner Macht. Was in meiner Macht steht, ist die Haltung, die ich zu diesen Verlusten einnehme.
Epiktet hat mir, Reger, in jenen ersten Reha-Wochen, eine Stimme gegeben, die niemand sonst mir gegeben hat. Nicht Sokrates, nicht Platon, nicht Aristoteles, nicht Marc Aurel. Epiktet, der Sklave, der Versehrte, der Mann, der das Encheiridion geschrieben hat, jenes Handbüchlein, das die stoische Lebenslehre in wenigen Sätzen zusammenfasst und das für die Reha-Lage ideal ist, weil ein Reha-Patient kein Tolstoi-Roman lesen kann, wohl aber ein Handbüchlein, dessen einzelne Sentenzen er sich merken und durch den Tag tragen kann.
Und nun, Reger, kommt mein Vorwurf an Sie, beziehungsweise an Ihren Vater. Warum hat Ihr Vater Epiktet übersehen? Warum hat er die ganze antike Philosophie behandelt, mit Sokrates und Platon und den großen Namen, und ausgerechnet jenen vergessen, der für die Versehrten die einzige Adresse ist? Die Antwort, Reger, ist, dass Ihr Vater nicht versehrt war, jedenfalls nicht körperlich, und dass er die Philosophie der Versehrten nicht brauchte, weil seine eigene Lage die Philosophie der Privilegierten verlangte.
Ihr Vater konnte sich Platon leisten, weil er noch Hände hatte. Ein Vierfach-Amputierter kann sich Platon nicht leisten, der braucht Epiktet, und Epiktet ist nicht da, weil Ihr Vater ihn weggelassen hat. Die hochkulturelle Tradition, Reger, ist eine Tradition der Privilegierten, die jene systematisch übersieht, die in der Existenznot eine Stimme bräuchten.
Wovon die Fragmente handeln.
Zwanzig Fragmente bilden eine Bewegung: vom Assessmentbericht und der Krankengeschichte über Ehe, Vater, Reha, Religion, Ökonomie und Literaturkritik bis zur Ärztin. Jedes Fragment ist ein Monolog an Reger; an den entscheidenden Stellen antwortet der Kritiker Marchel Ritch-Ranitski — und der Verfasser antwortet zurück.
Über den Assessmentbericht einer Beratungs-Firma vom 13. Oktober 2021, das Insights Discovery-Profil auf Position 133, die Fallarbeit zur Strategie einer Wohnbaugenossenschaft, in Reflexion der hundertjährigen Holodeck-Studierzeit im Koma — und der Wendepunkt der distanzierten Freundin, jener Assessorin, deren Schweigen die Schwebe zwischen schief und genau richtig produziert. Auszug in Teil II.
Vortag der Doppeloperation an Nase und rechtem Stumpf. SRK-Fahrt mit der Pascal-Frage, ob ein Transportierter ein Reisender sei — und im Spitalkeller eine zwanzigjährige kurdische Pflegerin, ein Tigermuster, ein Knopfschluss am Türrahmen. Antwort auf den Vorwurf des Kritikers, das Werk habe keine Frau und keine Handlung.
Die in der Rehaklinik immer stärkere Pflicht-Stimme, Sie müssen ein Buch schreiben — und das Scheitern der ökonomischen wie der literaturwissenschaftlichen Methoden. Bis Reger an einem Sommernachmittag im August 2025 auf der Reha-Terrasse erscheint, neben einem Wiener mit türkischen Wurzeln aus einer Familie von Friedhofsgärtnern, der Mumie. Reger schmunzelt zweimal, nickt einmal — und der Doktor versteht, dass die Methode funktionieren könne.
Schweizer Zwischen-den-Jahren, Wein-Vorstand am Küchentisch, Wald-Diagnose der Frau — und die spät erkannte Schutzfiktion: Männergrippe als Pflege-Programm, Durchfall als verkanntes Sepsis-Symptom. Bis das scharfe Nein bei der Bitte um Beinmassage die Dimension klärt, die der Verfasser sich nicht hatte zumuten wollen. Es kam die große Dunkelheit.
Die schwarze, immer schon dagewesene Substanz, in der das Subjekt aufgelöst war und kein mein und dein mehr galt. Bilder steigen ungerufen auf — Waterloo, Konstantinopel, das hundert Jahre bewohnte Versailles Stefan Zweigs, Kafkas Jäger Gracchus auf dem Operationstisch —, bis erkennbar wird, dass die Erinnerung die beste High-End-Anlage der Welt ist. Verlust und Gabe, nicht aufgelöst.
Das Erwachen, vom Durst beherrscht, der Beinahe-Tod am eigenen Verlangen, die Reintubation als Klempnerei am Subjekt. Tegtmeiers kategoriale Ontologie erklärt nachträglich, warum die schwarzen Hände noch da und doch keine Hände mehr waren; das Delir lässt die Frau einen Anwalt nehmen und bietet einer Pflegerin tausendfünfhundert Franken, an denen der Markt versagt. Bis zur Selbstbenennung als Trümmerfrau meiner selbst und zum Transfer nach Bellikon am 12. März 2025.
Aus dem Schiffs-Logbuch der USS Benz vom 9. Dezember 2025, in der maschinellen Sprache des Schiffscomputers und gegen sie geschrieben. Yellow Alert des Pneumokokken-Erstkontakts am defekten Schilde-Generator der funktionellen Asplenie, Red Alert des septischen Schocks mit dem Absterben der Akren, Black Alert des Herzstillstands — und die Captain's Order an Commander Data, die Bibliothek aufs Holodeck zu laden. Gerahmt von der Frage, ob nicht das Kriegstagebuch der Wehrmacht die nähere literarische Verortung gewesen wäre.
Die Bibliothek als Waffe, in zwei Anläufen vorgeführt. Erst dem jungen Theologiestudenten, der als Handwerker kommt, keine Bibel sieht und an Jugend ohne Gott hängenbleibt: statt Feuerbach, Hume und Voltaire die ganze Privatkriegsordnung — Koran, Talmud, Magellan, Typ VII C, Manstein, Helmut Newton —, bis im Aquarium ein Pandawels Luft holt: Pandawelse sind Darmatmer. Dann, auf demselben Sofa, der ehemaligen Pflegerin, die seinen Körper als Aufgabe kannte, nicht als Möglichkeit: Beim Studenten will er Gott widerlegen und landet beim Pandawels, bei ihr will er begehren und landet bei der Frequenzweiche.
Das Ehefragment. Erstes Pizzadate in Vorarlberg, 2005: der vierundzwanzigjährige Biologielaborant spricht über schlecht verlegte Kabel hinter der schönen Frau, mit dem nicht als Pointe markierten Satz, er hätte einen Kabelkanal verwendet — eine Werbemethode, die schon in der vorausgegangenen Diskothek-Szene gewirkt hatte. Zwanzig Jahre später, in der Scheidung, der Vorwurf, er habe sich von Anfang an mehr für die Kabel interessiert als für sie.
Die Rehaklinik Bellikon als Klatschmaschine, in der eine zweite, nicht protokollierte Patientenakte durch Schichtübergaben und Blicke zirkuliert — bis eine Pflegerin anders ins Zimmer kommt, als sie es verlassen hat, mit jener Vorinformation, mit der man zu einer Version eines Menschen kommt. Hararis Gossip-Theorie als verspätetes Diagnoseinstrument, das den Leser zum Fallmaterial macht.
Der Ausfall der Langstreckensensoren nach der Sepsis: ein Geschäftsführer von hundert Mitarbeiterinnen, der nach Silvester nicht zurückkehrt, in einer Abwesenheit, die er selbst nicht erlebt. Zwei Schiffe in Hierarchie — das eine kann nicht funken, das andere wartet auf Funk —, die Funkdisziplin in der Tradition Karl Dönitz', die die Frau als Funkstation ausführte, und die vier Theorien der Genossenschaft, die alle die richtige Diagnose verfehlen.
Die unerträgliche Formel vom Glück im Unglück, die stimmt, obwohl sie taktlos ist. Die fünf hypothetischen Ausgänge der Reanimation vom 29. Dezember 2024 — von intakter Substanz bis Tod —, das eingetretene Szenario, in dem die Akren Schaden nahmen, der Hauptcomputer aber intakt blieb. Und die unanständige Rangordnung eines Intellektuellen, dem der Verlust des Satzes schwerer wiegt als vier Amputationen.
Benz als Mann, der weiß, dass er inszeniert, der die Welt als Bühne nach Hertenstein holt, weil er nicht mehr ohne Aufwand in die Welt kann — die Wohnung als Empfangsraum, Prüfstand und Verteidigungsanlage. Aus dem therapeutischen Rat, auf Hände zu achten, wird die perverse Erlaubnis, fremde Hände zu lesen; die Spitex-Frauen geraten beim Eintreten in eine Kategorisierung. Selbstdiagnose ist bei Benz nie Heilung, sondern die eleganteste Form, recht zu behalten.
1,5 Zentimeter Knochen am rechten Unterarm, die ein Chirurg beinahe nachgesägt hätte und die zum Bedienknochen, zur Schreibdifferenz wurden. Amputationsdifferenz als Abstand zwischen chirurgischer Kleinigkeit und existenzieller Übergröße — Spalthaut, Mesh-Haut, die Pasta-Teig-Walze, ein Operateur, der den Knochen einen Ast nannte. Und die unanständige Einsicht, dass der Apparat schneller beginnt als die Moral.
Die erschreckende Einsicht: Ich schreibe keinen Roman. Ich schreibe eine Methode. Eine beinahe generische Maschine, die jedes Leben in Bohrkern, Fragment, Diagnose und Replik zerlegt — und die den Verfahren, gegen die sie anschreibt, beschämend nahe steht: Assessment, Austrittsbericht, Pflegedokumentation, Versicherungsformular. Hier erkennt das Werk sich als Gegenakte gegen die Beschreibungsmacht; der letzte, unanständige Trost ist, dass diese Methode nicht erfunden, sondern erlitten wurde.
Das langsame geistige Erwachen in Bellikon, ohne Hände, ohne die Möglichkeit, ein Buch zu halten — die Trümmerinventur dessen, was die Sepsis im Kopf gelassen hat. Die Philosophen nur als Pointen und Prestige-Trümmer; Epiktet als erster brauchbarer Stein, der Versehrte, der nicht tröstet, sondern eine Gebrauchsanweisung liefert; Adam Smith als Smith-Prothese, dessen unsichtbare Hand erst auffiel, als die sichtbaren fehlten — und das Angebot der Handtransplantation, das er rechnet, bevor er es empfangen könnte.
Ranitski verlässt die interne Gegenstimme und schreibt als Gutachter an einen Verlag: ein Manuskript, das man nicht empfehlen kann, ohne davor zu warnen — kein Mutmachbuch, sondern eine Gegenakte gegen die Beschreibungsmacht. Der Verlag versteht den Text und lehnt ihn gerade deshalb ab, zu intellektuell, zu lang — interessant nur unter einer Bedingung: wenn die klinischen Bilder, Nekrosen und Stumpfenden mitveröffentlicht werden. So wird Benz auch noch Material des Buchmarkts.
Die Frau, die ihn seit zwanzig Jahren kennt und enttäuscht ist, dass er immer noch nicht weiß, was wichtig ist — eine Enttäuschung, die kein Irrtum ist, sondern ein Urteil. Victoria Mortis als das Bild, an dem sie ihn falsch las; die Kabelmethode als das, was sie gewann und verlor; und die Nicht-mehr-Meine als die Einzige, die ihn ohne Apparat verstand und ihn am Ende doch nicht mehr sah, weil sie aufgehört hatte zu fragen.
Der Sohn, den beide lieben, der eine Punkt, an dem die Geschiedenen noch eins sind. Die externe Diagnose mit dem Verdacht auf Hochbegabung — die Summe kleiner als die Teile, weil die Akte weniger sieht als den Menschen — und die Wiederkehr des eigenen Assessments an der nächsten Generation. Am Ende der Blick, als die Bettdecke weg war und der Sohn sah, dass der Vater auch keine Füße mehr hat. Keine Replik. Das Fragment endet mit dem Blick.
Die junge Assistenzärztin, die ihn nicht pflegeleicht findet, sondern herausfordernd und für sich interessant — die ihn nicht zur Person, sondern zur Anlage macht, was ihm lieber ist. Sie spricht über seine Hände wie über eine High-End-Anlage, eine, nicht meine; das Gespräch geht zur Oper, zur Königin der Nacht. Und die letzte Einsicht, dass die ganze Methode, die ganze Gegenakte, die ganze Reger-Anrede vielleicht nur eine ungeheure Umleitung um einen einzigen Satz waren. Am Ende bleibt nicht die Verfügung. Am Ende bleibt der Satz.
Und damit ist das Buch nicht zu Ende. Was nach dem zwanzigsten Fragment kommt, steht in keinem Register: ein Höllenkonzil, über das — wer sonst — Dante präsidiert, ein Totengericht über die ganze Gegenakte.
Und danach, auf demselben Sofa, auf dem alles begann, eine letzte Schuldlage. Wer dort schuldig gesprochen wird, verrät diese Seite nicht. Das Buch schon.
Das Werk ist abgeschlossen. Die Architektur steht: zwanzig Fragmente in drei Befunden. Über sie hat sich inzwischen ein eigener kritischer Apparat gelegt — eine Tiefenanalyse zum Autor und eine Akte zur Akte über die Gegenakte —, in dem die Diagnose-Maschine sich zuletzt gegen sich selbst richtet. Die Fragmentform ist die literarische Anerkennung der methodologischen Unvollständigkeit — keine Verlegenheit, sondern Position.
Aus jedem der drei Befunde ein Auszug. Beim ersten zusätzlich der Apparat — die Kritik des fiktiven Literaturkritikers Marchel Ritch-Ranitski und die Replik des Verfassers —, der jedem Fragment im Buch folgt.
Vollständiges achtes Fragment DarmatmerAssessmentbericht.
Sie werden sich erinnern, Reger, dass ich Ihnen in einem Fragment von der Vater-Sohn-Diagnose erzählt habe, von jener vollkommenen Falle, in der ein Vater einem Sohn die Krankheit attestiert und der Sohn nicht mehr unterscheiden kann, ob er krank ist, weil der Vater es sagt, oder ob der Vater es sagt, weil der Sohn es ist. Aus dieser Falle gibt es, wie ich Ihnen damals berichtet habe, keinen Ausgang. Nicht, weil der Sohn zu schwach wäre, sondern weil der Vater, sobald er diagnostiziert, den Ausgang mitdiagnostiziert.
Was ich Ihnen damals aber nicht erzählt habe, Reger, weil ich es selbst noch nicht durchschaut hatte, ist dies: Diese Diagnosefalle hat in meinem Leben nicht nur in der Person meines Vaters und meiner Frau operiert, sondern institutionelle Verkörperungen angenommen, hat sich in Personen hineinverlagert, die mit meinem Vater nichts zu tun haben…
Marchel Ritch-Ranitski.
Möchtegern-Literat oder Ökonom mit wenig Stoff.
Es gibt — und ich will gerecht sein, ich will dem Autor geben, was des Autors ist — es gibt einen Satz in diesem Manuskript, den ich mir angestrichen habe. Trümmerfrau meiner selbst. Drei Wörter. Eine Wendung. Ein Bild, das hängenbleibt. Das, junger Mann, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Dafür hätte ich Sie fast — fast! — gelobt. Aber, meine Damen und Herren: drei Wörter sind kein Roman…
An Ritch-Ranitski.
Antwort des Autors.
Sehr geehrter, sehr verstorbener, sehr unentwegt eloquenter Herr Ritch-Ranitski. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen aufrichtig, und ich danke Ihnen in jener doppelten Schicht des Dankes, in der einerseits die professionelle Schmeichelei mitschwingt, dass ein Toter Ihres Ranges sich überhaupt herabgelassen hat, drei Stunden seines posthumen Tages an meinem Manuskript zu verlieren, und in der andererseits die echte Dankbarkeit liegt, dass Sie mir, im Verriss, ein konkretes Lob zugestanden haben…
Amputationsdifferenz.
Ich muss Ihnen, Reger, ein Fragment über eine Differenz vortragen. Über 1,5 Zentimeter. 1,5 Zentimeter Knochen, die mir an meinem rechten Unterarm zu wenig abgesägt wurden. Merken Sie sich die Zahl. Sie ist die kleinste Zahl in diesem Fragment, und sie ist die einzige, auf die es ankommt.
Später lernte ich, dass die Chirurgen für diese 1,5 Zentimeter ein eigenes Wort haben: Amputationsdifferenz. Ein Wort, Reger, das ich, kaum hatte ich es gehört, nicht mehr losgeworden bin, weil es so genau das benennt, worüber ich seither nachdenke, ohne es je so genau hätte sagen können: die Differenz zwischen dem, was ein Körper aushält, und dem, womit ein anderer Mensch darüber spricht…
Marchel Ritch-Ranitski.
Reaktion des Literaturkritikers
Sie nennen es Amputationsdifferenz. Ich nenne es Benz-Differenz: der Abstand zwischen dem, was einem Menschen genommen wurde, und dem unverschämten Mehrwert, den er literarisch daraus zu schlagen bereit ist. Man gibt Ihnen 1,5 Zentimeter Knochen zu viel, und Sie schreiben 15 Seiten daraus. Das ist nicht Medizin. Das ist Hochstapelei am Stumpf…
An Ritch-Ranitski.
Antwort des Autors.
Lieber Ranitski, was soll ich machen. Sie schreiben Produktionsweise, Sie schreiben Hochstapelei am Stumpf, Sie schreiben, ich könne keinen Schmerz stehen lassen, ohne ihm eine Funktion zu geben. Und ich gebe Ihnen, ausnahmsweise und ohne Zentimeterstreit, in allem recht. Ich kann es nicht. Aber, Ranitski, ich bin damit nicht allein, und das ist die Stelle, an der Ihre Anklage ins Leere greift…
Sohn.
Ich glaubte, Reger, auf dieses Kind vorbereitet zu sein. Das ist wahrscheinlich der erste Fehler gewesen. Niemand ist auf ein Kind vorbereitet. Man bereitet ein Zimmer vor, nicht ein Kind. Man liest Bücher, nicht ein Kind. Man liest Remo Largo, natürlich liest man Remo Largo, wenn man ein gebildeter werdender Vater ist, also einer der gefährlichsten Menschen überhaupt. Und während man lernt, dass das Kind kein Projekt ist, macht man es zum Projekt.
Ich kann einen Verlegerbrief schreiben, eine Gegenakte, eine Replik, eine Kritik, eine Selbstdiagnose, eine Philosophie, eine Trümmerinventur. Aber Vater sein heißt oft, keinen Satz zu sagen, obwohl man einen hätte…
Der leere Stuhl.
Nach dem zwanzigsten Fragment endet das Buch nicht. Dante präsidiert ein Totengericht über die Gegenakte; der Angeklagte fehlt, aber sein Verfahren sitzt im Raum.
„Also“, sagte Negan, „ich mag den leeren Stuhl. Wirklich. Sehr dramatisch. Sehr Boss-mäßig. Wenn einer nicht da ist und trotzdem alle über ihn reden, hat er entweder Macht oder ein ziemlich gutes Anwaltsteam.“
Dante sah ihn an.
„Ihr seid wegen Macht hier?“
„Ich bin wegen Stil hier“, sagte Negan. „Macht ohne Stil ist nur Verwaltung. Stil ohne Macht ist Theater. Der Kandidat hat beides versucht und ist irgendwo zwischen Aktenordner und Königsmantel steckengeblieben.“
Tywin Lannister verzog keine Miene, was in seinem Fall als Interesse galt.
„Er versteht eine Sache“, sagte Negan. „Menschen folgen nicht der Güte. Sie folgen der Ordnung. Und wenn die Ordnung weg ist, folgt irgendjemand dem Mann, der so tut, als sei er die Ordnung. Das hat der Kandidat begriffen. Diagnose, Bericht, Replik, Gegenakte, Höllenkonzil — das ist alles Lucille ohne Stacheldraht. Ein Ding, das herumgetragen wird, damit alle sehen: Hier spricht nicht nur einer, hier schlägt ein System.“
Niemand fragte, wer Lucille sei. Man wollte es nicht wissen.
„Aber“, sagte Negan, „er hat ein Problem. Er genießt die Unterwerfung nicht sauber. Er will gleichzeitig Richter, Opfer, Autor, Angeklagter und interessanter Sonderfall sein. Das ist zu viel. Ein guter Machtmensch weiß, wann er aufhören muss zu erklären.“
„Euer Urteil?“ fragte Dante.
„Dafür“, sagte Negan. „Aber gebt ihm keinen Baseballschläger. Er würde eine Fußnote daraus machen.“
Notiert wurde: Negan stimmt dafür. Die Fußnote wurde vorsorglich verboten.
Danach traten Joel und Ellie ein, und der Saal wurde auf eine andere Weise still, weil Gewalt, wenn sie aus Liebe kommt, schwieriger zu ordnen ist als Gewalt, die sich offen Macht nennt.
Joel sprach zuerst.
„Ich kenne Männer“, sagte er, „die jemanden retten und dabei die Welt verraten. Ich kenne den Satz: Es musste sein. Ich kenne ihn zu gut.“
Er sah nicht zum leeren Stuhl, sondern zu dem Platz, an dem ein Sohn hätte sitzen können, wenn Dante Kinder in diesem Verfahren zugelassen hätte.
„Der Kandidat“, sagte Joel, „hat überlebt. Andere haben ihn gerettet. Ärzte, Frauen, Maschinen, Zufall, Antibiotika, Chirurgie, vielleicht auch Sturheit. Er tut so, als müsse er nun herausfinden, was das bedeutet. Aber manchmal bedeutet Rettung nichts. Man lebt, und danach muss man mit denen weiterleben, die bezahlt haben.“
Ellie trat vor.
„Ich mag ihn nicht“, sagte sie. „Er redet zu viel.“
Das wurde allgemein als gültiger Befund aufgenommen.
„Aber ich verstehe etwas“, sagte Ellie. „Wenn dein Körper plötzlich für andere eine Geschichte wird, eine Hoffnung, ein Fall, ein Mittel, ein Risiko, ein Wunder oder ein Beweis, dann gehört er dir nicht mehr ganz. Alle wollen etwas aus ihm machen. Heilung. Forschung. Moral. Schuld. Bedeutung. Der Kandidat macht das auch. Aber wenigstens merkt er manchmal, dass es falsch ist.“
Anna Göldi nickte kaum sichtbar. HAL berechnete das Nicken und kam zu keinem befriedigenden Ergebnis.
„Und der Sohn?“ fragte Dante.
Joel schwieg.
Ellie antwortete nicht sofort.
„Der Sohn ist der Grund“, sagte sie schließlich, „warum man ihn nicht freisprechen darf und nicht vernichten sollte. Wer ein Kind hat, darf sein Leiden nicht vollständig zu Literatur machen. Aber wer ein Kind hat, darf auch nicht so tun, als könne er einfach verschwinden.“
Dante notierte langsam.
„Urteil?“
Joel sagte: „Dafür. Aber er soll nie behaupten, Rettung mache unschuldig.“
Ellie sagte: „Dafür. Aber der leere Stuhl bleibt leer. Kinder müssen nicht alles ansehen.“
Notiert wurde: Joel und Ellie stimmen dafür. Die Hölle erkannte an, dass Liebe als Motiv die Tat nicht reinigt, sondern nur schwerer verhandelbar macht.
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